Traum oder Utopie?

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist in der ARD, evangelisch-freikirchlicher Theologe, Sachbuchautor, Verfasser satirischer Kurzgeschichten, Referent und Moderator. Aber vor allem ist er der Librettist unseres bewegenden Chormusicals. Aus gegebenem Anlass ordnet er Kings Traum für uns noch einmal neu ein.

Dr. Martin Luther King, geboren 1929, ist durch seinen Kampf gegen die Rassen-Apartheid in den USA, durch seine berühmte „I have a dream“-Rede, durch den Friedensnobelpreis 1964 und natürlich seinen Märtyrertod 1968 als politischer Bürgerrechtler in die Geschichte eingegangen.

Als Doktorand an der Uni Boston verliebt er sich in die Opernsängerin Coretta Scott und die ist erstmal irritiert, worüber Martin beim Dating am liebsten redet: „Martin glaubte daran, dass es besser sei, geschlagen zu werden, als zu schlagen. Weil ungerechtes Leiden dazu beitrage, den Anderen von seinem Hass zu erlösen, meinte er.“

King ist 27, jungverheiratet, soeben Vater geworden und Pastor seiner ersten Gemeinde, als er im Advent 1955 den Busstreik von Montgomery anzettelt. Einen Kundenboykott gegen die Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehr. Seine Demonstranten lässt er „geistliche Prinzipien“ unterschreiben, bevor sie sich in Birmingham den Wasserwerfern und Polizeihunden entgegenstellen:

„Ich verpflichte mich, auf die Gewalt der Faust und der Zunge zu verzichten und täglich dafür zu beten, dass ich andere in die Freiheit führe.“ Radikal praktisch übt er das mit den Demonstranten, indem sie sich rohe Eier auf dem Kopf aufschlagen, ohne Gegenwehr zu leisten. Ihre hartnäckige Gewaltlosigkeit führt im Mai 1963 zum „Wunder von Birmingham“: Die Polizisten verweigern den Räumungsbefehl, weil sie nicht auf knieend Betende schlagen wollen.

King überlebt in den nur 13 Jahren seiner Tätigkeit vier Bombenanschläge auf seine Wohnung, eine Messerattacke, ungezählte Morddrohungen am Telefon. Er wird mehrmals zusammengeschlagen und über 20 Mal verhaftet. „Sich Frieden wünschen“ sei Allgemeingut. Aber auch billig zu haben.

Martin Luther King wusste, dass „sein“ Traum gar nicht seiner ist, sondern Gottes Traum. Gottes Vorstellung nämlich, wie Menschen miteinander umgehen und beieinander leben sollen.

Martin Luther King geht es

1. um den Gegensatz einer „Gutmenschen-Illusion“ zu einer „konkreten politischen Utopie“. Die Utopie des 17.Jahrh. war Friede zwischen den Konfessionen. Undenkbar nach dem 30jähriger Krieg. Die Utopie des 18.Jahrh.war Gleichheit der Ständeklassen. Undenkbar im feudal-monarchischen Absolutismus. Die Utopie des 19.Jahrh. war Abschaffung der Sklaverei. Undenkbar im Wirtschaftsgefüge weltweiter Kolonialreiche. Die Utopie des 20.Jahrh. war Friede zwischen den Völkern Europas. Undenkbar nach zig Millionen Toten zweier Weltkriege. Diese „Träume“ sind in Erfüllung gegangen.

Bei allem Entsetzen über Putins Überfall auf die Ukraine in 2022: 77 Jahre dauerhafter Friede in den rechtsstaatlich demokratischen Ländern Europas ist ein Ergebnis des Kampfes solcher „Träumer“ wie Martin Luther King.

Was ist die Utopie des 21. Jahrhunderts? Friede. Immer noch und wieder mal.

Aber auch: Gerechtigkeit im globalen Markt und Friede zwischen den Religionen. King ist dafür ein prophetisches Zeichen. Es geht

2. um seine Prinzipien und sein praktisches Training gewaltloser Aktionen zugunsten von Entrechteten. Was für ihn die US-Afroamerikaner in den 60er Jahren waren, sind für uns heute Flüchtlinge, Deutsche mit Migrationshintergrund, Muslime und die „Working Poor“ im Europa des 21. Jahrhunderts. Es geht

3. um die Langzeitwirkung seiner Predigt „Wer zum Bösen schweigt…“ in der Marienkirche Ostberlin am 13.9.1964, die für viele junge DDR´ler das Samenkorn pflanzte für ihr Engagement in der gewaltlosen Revolution von 1989. Die als wünschenswert, aber naiv belächelte Illusion einer deutschen Wiedervereinigung, ist konkrete Utopie geworden.

Bei den unter-30jährigen gibt es einerseits hohe moralische Sensibilität und andererseits schwindende Allgemeinbildung. Beides braucht Vorbilder und Rollenmodelle, jenseits der historischen Wikipedia-Fakten. Martin Luther King eignet sich hervorragend dafür.

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